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Buddhismus: Von der Mönchsreligion zur Volksreligion


Wie viele andere Religionsstifter trug auch der Buddha seine Lehren in Form von Predigten und Lehrgesprächen vor. Er veranlasste aber keine Niederschrift seiner Lehren. Die buddhistische Überlieferung berichtet daher, dass gleich nach dem Tod des Buddha eine Versammlung führender Mönche die Lehren gesammelt und geordnet habe. Dabei soll auf diesem Konzil (um 480 v. Chr.) der Jünger Upali die Vorschriften vorgelesen haben, die das Mönchsleben betrafen. Diese Vorschriften gelten als die erste kanonische Sammlung und heißen "Korb der Disziplin". Der Jünger Ananda wiederum soll die Lehrreden Buddhas festgelegt haben. Sie bilden die zweite kanonische Sammlung und werden "Korb der Lehrreden" genannt. Der "Korb der Disziplin" und der "Korb der Lehrreden" bilden einen Teil des berühmten Pali-Kanon.

Wegen aufbrechender Streitigkeiten musste jedoch ein zweites Konzil einberufen werden. Auf diesem Konzil (um 380 v. Chr.) wurde deutlich: Die Mönche waren sich über die (enge) Auslegungen der Pali-Texte nicht mehr einig. Während die Anhänger der Tradition (= "Lehre der Alten") behaupteten, die Worte Buddhas müßten rein und ohne Zusätze und Ergänzungen wiedergegeben werden, anerkannte eine andere Gruppe, dass nicht mehr nur wenigen Asketen das Heil offenstehen soll, sondern der Masse der Menschen. Beide Gruppen spalteten sich wiederum in eine Reihe verschiedener Schulen...

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Was ist nun eigentlich Theravada/Mahayana/Vajrayana Buddhismus?

Es wird heute relativ viel über den tibetischen Buddhismus (und dem Diamantweg) bzw. Zen berichtet, doch wenig über den frühen Buddhismus Theravâda und dessen Achtsamkeitspraxis Vipassanâ. Aber es sind immer diese drei, welche die Haupttraditionen des Buddhismus im Westen darstellen.

Ein paar Unterschiede zwischen Mahâyâna und Theravâda, was ihr heutiges Auftreten im Westen angeht:

 Im Süden: Theravada

Wichtigste Verzweigungen:

Sthaviravâda / Theravâda [4./3. Jh. v.Chr., Indien]
Mahâsânghika [4. Jh. v.Chr., Indien]
Vâtsîputrîya (Pudgalavâda) [3. Jh. v.Chr., Indien]
Sarvâstivâda [3. Jh. v.Chr., Indien]
Sautrântika [2. Jh., Indien]

Die südliche Richtung wurde ursprünglich als Shravakayana (= Fahrzeug der Schüler) bezeichnet, von ihren achtzehn Schulrichtungen hat allerdings nur der Theravada (= Schule der Ordensälteren) bis heute überdauert. Der Theravada Buddhismus gilt im Vergleich zum Mahayana als orthodoxere, bzw. konservativere Form des Buddhismus. Er wird heute vor allem in Sri Lanka, Myanmar (Burma), Thailand, Laos und Kambodscha praktiziert.

 Im Theravâda hat der Meister die Position eines beratenden „spirituellen Freundes“ (kalyâna-mitta). Es wird hier besonders die Selbstverantwortung und befreiende Einsichtspraxis betont. Die häufig auch verwendete Bezeichnung "Kleines Fahrzeug" (Hinayana) ist eigentlich abwertend gemeint, und findet sich nur in  Mahâyâna-Texten wieder.

Der Theravâda-Buddhismus hat einen in der Pali-Sprache verfassten Kanon seiner grundlegenden Schriften, der Tipitaka genannt wird (im Westen eher bekannt durch die Sanskrit Bezeichnung Tripitaka). Der Name bedeutet "Dreikorb", aufgrund seiner Aufteilung in drei Kompendien:

          Das Vinayapitaka enthält Regeln für die Gemeinschaft (Sangha) der buddhistischen Mönche und Nonnen.
   
      Das Suttapitaka enthält die Lehrreden (Sutren) des Buddha.
   
      Das Abhidhammapitaka enthält eine philosophische Systematisierung der Lehren Buddhas.

Zentral für den österreichischen Theravada-Buddhismus ist die Bedeutung der vipassana-Meditation. Vipassana wird als "Hellblick" definiert: Dabei handelt es sich um das "aufblitzende intuitive Erkennen der Vergänglichkeit, des Elends und der Unpersönlichkeit aller körperlichen und geistigen Daseinsformen". Die Übung der Meditation soll diesen "Hellblick" herbeiführen. In den Pali-Texten werden ingesamt 18 Hauptarten von vipassna genannt. 

Gleich wichtig wie die vipassana-Meditation ist die Achtsamkeits- oder Bewußtseinsmeditation, die eigentlich eine Voraussetzung für vipassana ist. Achtsamkeitsmeditation beginnt damit, dass man auf den Atmen achtet, aber sich auch bewusst wird, was man sonst alles tut: Sitzen, Hören, Tasten usw. Eine weitere Übungsphase richtet das Augenmerk auf den Menschen und seine Bestandteile, auch die Gefühle sollen beachtet werden. Ziel ist dabei, dies alles als distanziert und gleichgültig zu erkennen um nicht an der Welt zu haften.

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Im Norden: Mahayana

Bedeutendste Philosophenschulen:

Madhyamaka [2. Jh., Indien]
San-lun [5. Jh., China]
Sanron [7. Jh., Japan]
Vijñânavâda (Yogâcâra) [4. Jh., Indien]
Fa-hsiang-tsung [650, China]
Hôssô-shû [660, Japan]

Mahâyâna (Sanskrit für „Großes Fahrzeug“)


Das Große Fahrzeug war eine Reformbewegung, die die ursprüngliche, auf eine rein mönchische Lebensführung ausgerichtete Form des Buddhismus auch für Laien zugänglich machen wollte.

 Auch Laien können nach Auffassung des Mahayana erleuchtet werden. Im Mahayana wurden die Lehren und Schriften des orthodoxen Shravakayana Buddhismus zwar nicht grundsätzlich abgelehnt, doch bezeichnete man sie, ein wenig verächtlich, als Hinayana, "Kleines Fahrzeug". Im fünften und sechsten Jahrhundert u.Z. kam dann noch eine weitere Reformbewegung dazu, die sich in Indien nicht nur innerhalb des Buddhismus, sondern auch im Shiva- und Vishnuismus (also dem, was letztlich zum Hinduismus führte) breit machte: der Tantrismus, benannt nach eigenen Lehrschriften, den Tantren, in denen vor allem neuartige Ritualtechniken behandelt werden.

Die heute bekannten Traditionen des Mahâyâna, wie sie in Zentralasien und Fernost maßgeblich sind, haben sich aus einzelnen Aspekten dieser sechs Grundlagen oder aus bestimmten Verbindungen zwischen ihnen entwickelt. Dabei sind etwa in Tibet und China noch stark einheimische Traditionen miteingeflossen (was zum Beispiel zu dem vielfältigen Pantheon des tibetischen Buddhismus geführt hat, oder in China zum Zen, der aus der Verschmelzung mancher altindischer Grundlagen mit dem chinesischen Taoismus hervorgegangen ist).

Für den japanischen Buddhismus ist vor allem das Mahayana inklusive seiner esoterischen Spielart von Belang. Das Mahayana erreichte Japan aber erst nach einer komplizierten Folge von Transformationen. Ausgangspunkt war Indien, das unmittelbar im Norden durch den Himalaya vom Kontakt mit anderen Zivilisationen abgeschnitten war. Daher erfolgte die Ausbreitung des Mahayana zunächst nach Nordwesten, entlang der Seidenstraße nach Zentralasien. Dort kam der Buddhismus mit dem Hellenismus in Berührung und wurde von zahlreichen kleineren Reichen wohlwollend aufgenommen.

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Mythos Tibet

Wir alle haben natürlich Sympathie mit den Tibetern, einem der politischen- und kulturellen Selbstbestimmung beraubten Volk. Dazu kommt noch die hohe Bekanntheit des Dalai Lama. Der tibetische Buddhismus kommt auch durch seine Rituale und Initiationen einem verbreiteten, etwa "katholisch begründeten Bedürfnis" nach Symbolik und Mysterium nach. Der tibetische Buddhismus hat daher den unbegründeten Anspruch, ein alles enthaltender Dachbuddhismus zu sein. Doch, dem ist  eigentlich ja nicht so...

Im Jahr 642 gelangte das "Diamant-Fahrzeug" von Nordost-Indien nach Tibet, wo es sich allmählich mit der einheimischen Bon-Religion vermischte. Die aus Indien übernommenen Texte des alten Buddhismus, des Mahayana und des "Diamant-Fahrzeugs" wurden in Tibet zum Kanjur zusammengestellt: eine Sammlung heiliger Texte, die 108 Bände umfasst. Zum Kanjur kam noch der Tanjur hinzu, der aus 225 Bänden besteht (Erklärungswerke, Lehrtexte usw.). Der tibetische Buddhismus hat uns auf diese Weise Lehrtraditionen aller Epochen des indischen Buddhismus erhalten, sie aber in eigentümlicher Weise weiterentwickelt. In der tibetischen, v. a. der Karma Kagyü Tradition, gilt Mahamudra als die höchste Lehre, d. h das Wissen um die Leerheit, die Freiheit vom Samsara (Kreislauf der Wiedergeburten) und die untrennbare Verbindung dieser beiden Zustände.


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Das Diamantfahrzeug (Vajrayana)

[8. Jh., Tibet, Bhutan, 15.Jh., Mongolei, 17.Jh. Burjatien]
Nyingma [8. Jh., Tibet]
Kadampa [1038, Tibet]
Sakya [1073, Tibet]
Kagyü [11. Jh., Tibet]
 Gelug [1409, Tibet]


Diese Glaubensrichtung des Buddhismus entstand aus der Vermischung des Grossen Fahrzeuges und dem Tandrismus, der ein uraltes magisches Gedankengut Indiens ist. Gläubige nehmen dabei an, dass die Erlösung von der Seelenwanderung durch magische Praktiken, wie Riten, Zauberei, Wiederholungen heiliger Silben, Worte und sexuelle Handlungen (!) möglich ist.

Das Vajrayana ist eine Ritualreligion und entwickelte die Lehre Nagardschunas I von der absoluten Leere weiter (Schunjata): Wenn nur diese Leere existiert ist alles andere, was wir sehen Schein und Trug. Am Ende sind alle Objekte gleich, weil sie Abbild der absoluten Leere sind. Das Begreifen und Durchdringen dieser Wahrheit ist die Erlösung. Die rituellen Handlungen sind die Methoden, um dieses Ziel zu erreichen, dabei identifiziert sich der Glaubende mit der Leere. Da alles identisch ist, ist auch Ähnliches mit Ähnlichem zu beeinflussen. Gut und Böse sind relative Begriffe, die ihre Geltung verlieren, wenn man die höchste Erlösung anstrebt. Es gibt in der Praxis sehr viele Kulthandlungen, Übungen in Magie, Zauberei, Alchemie, Astrologie und Medizin. Nur wer eine Lehrung durch einen Guru und die "Königliche Weihe" erhalten hat, darf diese Riten ausführen. Meditations-und Jogaübungen vereinigen den Gläubigen mit dem Universum.

Der Tantrismus führte von der generell offenen Haltung des Mahayana zurück zu engen, in sich geschlossenen Zirkeln von Eingeweihten, innerhalb derer die Rituale kursierten. Man spricht daher auch vom "esoterischen Buddhismus" (esoterisch im Sinne von "nach innen gewandt").

Obwohl nach der Lehre des alten Buddhismus der Glaube an die Wirksamkeit von Ritualen und magischen Formeln sogar ein Hindernis für den Erlösungssuchenden war, fanden diese Praktiken breiten Anklang in der Volksfrömmigkeit Tibets. Was bis dahin Randerscheinung geblieben war, wurde im Tantrismus zu einem zentralen Erlösungsmittel. Die Mantras sind die heiligen Formeln, die der Eingeweihte zitiert und deren Silben symbolische Bedeutung haben, die religiöse Elemente des Kosmos und Gestalten des Götterhimmels und deren Eigenschaften bezeichnen. 

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Buddhismus in China und Japan

Dhyâna (Meditations-Schule) [6. Jh., China]
Ch’an-tsung [526, China]
Zen-shû [12. Jh., Japan]
Rinzai-shû [1191, Japan]
Sôto-shû [1244, Japan]
Ôbaku-shû [1654, Japan]

Nach China gelangte die buddhistische Religion schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Auch hier wurden zahlreiche Texte aller drei "Fahrzeuge" aus den indischen Originalen übersetzt. In die chinesischen Sammlungen der heiligen Texte wurden zudem zahlreiche Werke chinesischen Ursprungs aufgenommen. Im Laufe der Geschichte des chinesischen Buddhismus bildeten sich zwei Hauptformen heraus, nämlich der Meditationsbuddhismus und der Buddhismus des "Reinen Landes".

Der Ch’an-Buddhismus (= die Schule der Meditation) ist der Überlieferung nach vom indischen Mönch Bodhidharma Anfang des 6. Jahrhunderts ins Reich der Mitte gebracht worden. "Meditation" bzw. "Meditative Versenkung" heißt auf Sanskrit "dhyana". Daraus entstand das chinesische Wort Ch’an, japanisch Zen. Der Legende nach soll Bodhidharma neun Jahre mit dem Gesicht gegen eine Mauer gesessen haben, um nicht von der Meditation abgelenkt zu werden; ja er habe sogar seine Augenlider abgeschnitten, damit sie ihn nicht stören. Im Gegensatz zu den anderen Schulen, die großen Wert auf das Studium und die Rezitation der heiligen Schriften legten, hielten die Meister des Ch’an die Meditation für den einzig möglichen Weg zur Erkenntnis. Sie gehen davon aus, dass im Menschen die Natur des Buddha deshalb verborgen bleibt, weil er nicht um sie weiß. Nur wenn die Persönlichkeit des Schülers, seine seelische Abwehr gewaltsam und plötzlich durchbrochen wird, ist Erlösung möglich. Auf welche Art und Weise dieser Durchbruch geschehen soll, kann man nicht anlesen, sondern dies kann dem Schüler nur von einem Meister gezeigt werden. Erlösung bedeutet daher im Ch’an: Der Mensch erkennt seine Identität mit Buddha und entrinnt dadurch dem ewigen Kreislauf des Lebens und erlischt im Nirvana.

Es geht also um ein plötzliches Erleuchtungserlebnis. Dementsprechend versucht der Ch’an-Meister, durch Stockschläge, strenge Zurufe und irrationale, paradoxe Antworten auf Fragen des Schülers den Vorgang der plötzlichen Erleuchtung zu fördern. Seine größte Bedeutung bekam diese Form des Buddhismus also in Japan eben als Zen-Buddhismus, der von dort aus auch in den anglo-europäischen Kulturkreis eindrang.

 Im japanischen Buddhismus haben wir es also mit dem Endpunkt einer langen Überlieferungsgeschichte zu tun. Da China für die japanische Kultur das Vorbild schlechthin darstellte, tendierte man dazu, den Buddhismus in seiner chinesischen Form zu belassen und unternahm zunächst nur zaghafte Versuche der Adaption. Die Sutren wurden daher nicht ein weiteres Mal ins Japanische übersetzt.

In weiterer Folge nahm die Geschichte des Buddhismus in Japan einen anderen Verlauf als in China. Dort erwuchs dem Buddhismus vor allem in Gestalt des Daoismus ein mächtiger Konkurrent: Auf Zeiten der staatlichen Förderung folgten Zeiten des Niedergangs und sogar der Verfolgung. In Japan dagegen gelang es dem Buddhismus, bereits existierende Glaubensvorstellungen fast vollständig zu absorbieren. Auch wenn die Blütezeit des japanischen Buddhismus mit dem Beginn der Neuzeit (Edo-Zeit) zu Ende ging und konkurrierende Vorstellungen in Form des Konfuzianismus und des Shinto auftauchten, wurden Buddhisten — von den Anfängen im 6. Jh. und einer kurzen anti-buddhistischen Phase Ende des 19. Jh.s einmal abgesehen — in Japan nie verfolgt. 
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